Suspicious Reality

December 2018

Seine künstlerische Laufbahn begann Hamid Yaraghchi in seiner Heimatstadt Teheran, Iran. Dort studierte er Grafikdesign und nahm zeitgleich außeruniversitär Unterricht in Malerei bei Professor Ahmad Vakili. Das Interesse an deutscher Kunst und Literatur war bereits früh durch verschiedenste Kataloge und Fachliteratur geweckt worden. Neben künstlerischen Positionen aus der Romantik und der Klassischen Moderne faszinierten ihn zeitgenössische Arbeiten so sehr, dass er sich entschied, den Iran zu verlassen und ein Studium der Malerei in Deutschland aufzunehmen. Seit 2014 studiert Yaraghchi an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, ab 2015 in der Klasse von Professor Kerbach.

Hamid Yaraghchi beschäftigt sich grundsätzlich mit der Frage, wie die uns umgebende Realität objektiv wahrgenommen werden kann. Kann das Individuum seine Umwelt wirklich ohne Beeinflussung aufnehmen? Inwiefern manipulieren Erinnerungen und Erfahrungen die Rezeption? Nicht nur äußerliche Faktoren wie Lichteinwirkung oder Raumverhältnisse bestimmen, welches Bild zwischen Retina und Gehirn entsteht. Auch der Einfluss des bereits Erlebten, der Wiederhall vergangener Erfahrungen, verändert die Realität und erschafft eine jeweils eigene subjektive Wirklichkeit. So kann derselbe Raum von zwei Personen völlig unterschiedlich gesehen, aufgefasst und gefühlt werden. Die Objektivität der eigenen Wahrnehmung ist ein Trugschluss, dessen man sich bewusstwerden muss, wenn man über die Wahrheit diskutieren möchte.

Für Hamid Yaraghchi ist der einzige Weg, einen Konsens über die Erscheinungen der Realität zu finden, die Abstraktion. Diese Schnittstellen der unterschiedlichen Wahrnehmungen werden in seinen Arbeiten malerisch untersucht, sondiert und ergründet. Unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Situation werden miteinander verschränkt. Die dargestellten Räume, Personen und Objekte fungieren als Bezug zur Wirklichkeit. Diese verschmelzen wiederum mit abstrakten Flächen zu einem Gesamtbild. Die Malerei ermöglicht es dem Künstler, Dinge, Körper und Räume durch unterschiedliche Grade der Abstraktion simultan im gleichen Bild existieren zu lassen. Die auf der Leinwand dargestellten, nebeneinanderstehenden Situationen und Begebenheiten geben Rätsel auf: Vollplastisch ausgearbeitete Körper stehen neben blanken Bildräumen, die Verortung ist diffus, Schauplätze scheinen mit unzusammenhängenden Gegenständen ausstaffiert. 

Die Zusammenhänge entziehen, verweigern sich bewusst dem Gegenüber, die Irritation, die von ihnen ausgeht, ist gewollt, ja sogar zentrales Element der Darstellung von Yaraghchis Malerei. So entstehen auf real existenten Leinwänden ambivalente Erscheinungen, die den Betrachter auf sich selbst zurückwerfen und ihn zur Reflexion zwingen.

Seine Motive findet der Künstler auf Fotos verschiedenster Medien. Wenn ihm eine Komposition gefällt, lässt er sich von ihr inspirieren, lehnt seinen Bildaufbau daran an. Durch inhaltliche oder gestalterische Änderungen arbeitet Hamid Yaraghchi das irritierende Moment heraus und verstärkt es. Unbelegte Räume werden mit menschlichen Figuren bevölkert, Mobiliar und Einrichtungsgegenstände werden gezielt gesetzt und Raumstrukturen durch abstrakte Flächen gebrochen. Die originale Farbgebung wird in den meisten Fällen nicht übernommen. Stattdessen wird eine reduzierte Farbpalette genutzt, um dem Bildraum eine monochrome Grundfarbigkeit zu geben.

Yaraghchi verwendet seine Leinwände häufig mehrfach, sodass unter dem aktuell sichtbaren Werk häufig noch ein weiteres versteckt liegt. Die ursprüngliche Bemalung bleibt an einigen Stellen unbedeckt und wird wiederum zum Bestandteil des neuen Gemäldes. Dies zeigt sich unter anderem in „Beach-Träumer“, Öl auf Leinwand, von 2018. Zu sehen ist ein Innenraum, in dem mehrere Sitzmöbel stehen, die wiederum auf zwei Fernseher ausgerichtet sind. Rechts in einem Sessel sitzt eine Person. Die Fernseher zeigen das Bild eines Strands, der obere in schwarz-weiß, der untere in satten, hellen Farben. Die monochrom graue Raumgestaltung wird durch kontrastreiche farbige Flächen unterbrochen. Der pastellrosa Fleck in der Mitte des Werks sowie die graue Fläche zwischen den Fernsehern verweist auf die darunterliegende Malerei. Diese sich nicht ins räumliche Gefüge einbindenden Bildmomente agieren als Störstellen und irritieren, ihr Ursprung und Zweck bleibt verborgen.

Hamid Yaraghchi stellt den Betrachter seiner Werke vor Rätsel und konfrontiert ihn mit Ungereimtheiten. Er spielt mit unserer Wahrnehmung und zeigt Zusammenhänge, die unserer Erfahrung und Erinnerung zuwiderlaufen. Vermeintlich Bekanntes wird umgedeutet, fordert eine Neuinterpretation und drängt uns zum intensiveren Schauen, um das Bildgeschehen vollends zu greifen.

Nina Fischäss

Kunsthistorikerin, Dresden